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Schulwahl und sozio-kulturelle Passung
Einzelschulwahl, Schulqualität und Schulträgerspezifik unter besonderer Berücksichtigung von Schulen in freier Trägerschaft
DFG
HU Berlin
Uni Münster

Wer hat teilgenommen?

Für die Studie CHOICE haben insgesamt 1097 Eltern von Erstklässlerinnen und -klässlern sowie 201 Schulleitungen unsere Fragebögen ausgefüllt. Zudem konnten 24 Interviews mit Eltern und 18 Interviews mit Schulleiterinnen und Schulleitern geführt werden.

Was sind die Ursachen für den Anstieg der Privatschulzahlen?

Seit 1992 steigt in Deutschland sowohl der Anteil der allgemeinbildenden Privatschulen als auch der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die eine solche Schule besuchen. Für diese Entwicklung können verschiedene Ursachen verantwortlich gemacht werden: Neben zahlreichen Neugründungen privater Schulen vor allem in den ostdeutschen Bundesländern, werden das sinkende Vertrauen in staatliche Institutionen sowie eine größere Schulwahlfreiheit und höhere Ansprüche der Eltern an die Schule als bedeutsam angesehen.

Im Schuljahr 2013/14 besuchten deutschlandweit 8,7% aller Schülerinnen und Schüler eine allgemeinbildende Schule in freier Trägerschaft. Dabei gibt es jedoch große Unterschiede zwischen den Bundesländern:

Anteil der Schüler an privaten Schulen

Daten: Statistisches Bundesamt (2014): Bildung und Kultur, Private Schulen (Schuljahr 2013/14). Eigene Berechnungen und Darstellung

Was sind die Gründe für die Abkehr aus dem öffentlichen Schulsystem?

In den von uns durchgeführten Interviews mit Eltern, die ihr Kind an einer privaten Grundschule eingeschult haben, konnten wir drei Gründe für die Abkehr aus dem öffentlichen Schulsystem identifizieren: Die Schulbiografie der Eltern, Schulerfahrungen älterer eigener Kinder und im Prozess der Schulwahl eingeholte (negative) Informationen über die öffentliche Schule im Einzugsgebiet. Diese drei Gründe führten bei den interviewten Privatschuleltern in einem ersten Schritt dazu, dass sie eine Alternative zur öffentlichen Schule suchen. In einem weiteren Schritt wird dann – nach Abwägung weiterer Kriterien und Motive – eine konkrete Privatschule für das Kind ausgewählt.

Wie informieren sich die Eltern über die Schulen?

Die Befragung CHOICE hat gezeigt, dass Eltern, die aktiv eine Schule für ihr Kind wählen (im Folgenden „Wähler“), sich vor allem über die Homepages der Schulen informieren. Zudem greifen sie auf Erfahrungen von Freunden und Bekannten sowie auf Angebote zurück, die ihnen die Möglichkeit geben, sich einen persönlichen Eindruck von der Schule zu machen (z.B. Tag der offenen Tür). Aber auch Eltern, die sich für die zugewiesene Schule entscheiden, ohne andere Schulen in ihre Entscheidung miteinzubeziehen (im Folgenden „Nicht-Wähler“), informieren sich über die Schule ihres Kindes. Dafür nutzen sie die gleichen Informationsquellen wie die Wähler. Allerdings zeigen sich Unterschiede hinsichtlich der Bandbreite der genutzten Informationsquellen, die für die Schulwahl herangezogen werden.

Welche Gründe sind für die Wahl einer Grundschule allgemein ausschlaggebend?

Hinsichtlich der Schulwahlgründe betonen Eltern, die aktiv eine Schule für ihr Kind wählen (im Folgenden „Wähler“), vor allem Aspekte der Schulqualität und unterscheiden sich dadurch von den Eltern, die keine Alternative zur zugewiesenen Schule gesucht haben (im Folgenden „Nicht-Wähler“).

Welche Eltern wählen eine private Schule für ihr Kind und welche eine öffentliche Schule? Wie begründen Eltern ihre Schulwahl?

Eltern, die sich gegen ihre Einzugsgrundschule entschieden haben, wählen sowohl private Schulen als auch andere öffentliche Schulen aktiv aus. Darüber hinaus hat die Hälfte der Eltern, deren Kind in eine öffentliche Grundschule eingeschult wurde, während des Schulwahlprozesses auch über eine private Schule nachgedacht. Bezüglich des Informationsverhaltens und der Schulwahlgründe zeigen sich zwischen den beiden Elterngruppen einige Unterschiede.

Welche Rolle spielt die Schulqualität bei der Wahl einer Grundschule?

Verschiedene Studien stellten fest, dass Eltern an Privatschulen unterschiedliche Schulqualitätsaspekte (z.B. Schulklima, Engagement der Lehrer) besser bewerten als Eltern, deren Kind eine öffentliche Schule besucht. Dieses Ergebnis wird durch unsere Befragung zur Grundschulwahl bestätigt. Es zeigt sich, dass die Schulwahlentscheidung für eine Privatschule mit hohen Erwartungen bezüglich der Schulqualität einhergeht. Allerdings zeigt die Nachbefragung, dass die positive Einschätzung der Schulqualität in der Konfrontation mit der Schulrealität abnimmt.

Wie sind die privaten Grundschulen in Berlin verteilt?

Private Grundschulen in Berlin sind nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt. Es zeigt sich, dass in Nachbarschaften mit einer niedrigen Quote an Kinderarmut (0-10%) deutlich mehr private Grundschulen zu finden sind als in Nachbarschaften mit einem hohen Anteil an Kinderarmut (mehr als 50%).

Während in einigen Bezirken wie Charlottenburg-Wilmersdorf, Steglitz-Zehlendorf oder Pankow mehr als jede vierte Grundschule eine Privatschule ist, befindet sich in Bezirken wie Lichtenberg, Tempelhof-Schöneberg oder Neukölln nur jede zehnte Grundschule in privater Trägerschaft.

Um diese ungleiche Verteilung besser zu verstehen, haben wir uns angesehen, ob es einen Zusammenhang zwischen der Kinderarmut in den Nachbarschaften und der Anzahl privater Grundschulen in Berlin gibt. Nachbarschaften, die von einer hohen Kinderarmut betroffen sind, zeichnen sich dadurch aus, dass Kinder bis 15 Jahren in Familien leben, die staatliche Unterstützungsleistungen wie Arbeitslosengeld oder Hartz IV bekommen. In dieser Karte sieht man, wie hoch der Anteil der Kinderarmut in den einzelnen Nachbarschaften ist:

Anteil der Schüler an privaten Schulen

Daten: Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales (2015): Monitoring Soziale Stadtentwicklung 2015. Karte: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt (2013): Lebensweltlich Orientierte Räume (LOR) in Berlin; Eigene Berechnungen und Darstellungen.

Wie wählen Berliner Grundschulen ihre Schülerinnen und Schüler aus?

In Berlin gilt für die öffentlichen Grundschulen das Wohnsitz- bzw. Sprengelprinzip, wodurch die zukünftigen Erstklässler verpflichtet sind, sich zunächst an der Grundschule ihres Einzugsgebiets anzumelden. Unsere Studie zeigt, dass diese gesetzliche Vorgabe in der Praxis der Aufnahme von Schülerinnen und Schülern an vielen Schulen eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint. Nach Auskunft der befragten Schulleitungen ist bei der Aufnahme von Schülerinnen und Schülern der Wohnsitz nur für 58% und der Schulsprengel sogar nur für 32% der öffentlichen Schulen eine Voraussetzung. Zudem weisen die Ergebnisse unserer Befragung darauf hin, dass neben den privaten auch viele der öffentlichen Grundschulen in Berlin übernachfragt sind, weshalb die ‚Auswahl von Schülerinnen und Schülern in beiden Schulsegmenten eine Rolle spielt.